Becca's point of view

Lass uns in hübschen Kleidern über Krieg sprechen

Endlich mal was Gutes tun, endlich kluge Leute hören, meinem Leben wieder einen Sinn geben. Vielleicht waren das die Beweggründe für mich und rund 150 andere, am 30. März die Veranstaltung Ist Europa am Ende? von European Dialogue in Graz zu besuchen. Vielleicht wollte ich auch nur mal die großartige Elke Kahr in live sehen. Die war am Ende zwar gar nicht da, dafür bekam ich aber richtig viele Gründe, wütend zu sein, traurig zu sein, mich aufzuregen – und endlich wieder etwas zu schreiben.

Irgendwie fühlte es sich e schon von Anfang an falsch an: an einem lauen Abend – viel zu warm für März – mit Mitte zwanzig an einem Polit-Talk mit dem Titel Europa. Am Ende? teilzunehmen, der im Café Promenade stattfindet (ja, spätestens da hätte ich wissen müssen, wer die anderen Teilnehmenden sind). Aber hey! Es wurde mit gratis Buffet geworben und Besseres zu tun hatte ich auch nicht. Beim Anblick von 150 aufgeregten Millennials in High-Heels und Sakkos, die pink gefärbten Wein mit Grünzeug verziert aus fancy Gläsern tranken, wurde mir dann aber doch ein bisschen schlecht. Da musste ich mir erstmal einen Spritzer bestellen – ohne Grünzeug, aber auch nicht viel besser, ich weiß.

Das Thema der Veranstaltung? Der Krieg in der Ukraine, der Krieg in Europa und was wir tun können, um ihn aufzuhalten, was in unserer Macht steht und was unsere Verantwortung ist. Die Diskussionsteilnehmer_innen? Sebastian Bohrn Mena, (laut Wikipedia-Eintrag Aktivist, Kolumnist und Autor, außerdem parteilos nachdem er bei Liste Pilz, SPÖ und ÖVP offensichtlich nicht seine große Erfüllung fand), Sebastian Schäffer (Geschäftsführer des Instituts für den Donauraum und Mitteleuropa) und statt der erkrankten (ausnahmsweise C-Wort, nicht K-Wort) Bürgermeisterin von Graz Elke Kahr die Vizebürgermeisterin Judith Schwentner, die sich – ihrem Gesichtsausdruck zu urteilen – definitiv ein anderes Abendprogramm gewünscht hätte und sich mit diesen drei Männern am Diskussionstisch ungefähr so fehl am Platz fühlte wie ich mich zwischen Jus-Student_innen und Möchtegern-Politker_innen. Deshalb vielleicht und nicht, weil sie – wie vorgeworfen – aufgrund der kurzfristigen Vertretung keine Zeit gehabt hätte, sich vorzubereiten, beließ sie es oftmals bei einem Kopfschütteln statt großer Worte. Nicht dass mensch sie gehört hätte. Denn die Hälfte der Zeit musste sie sich ohnehin mit dem Moderator um das Mikrofon streiten. Womit wir auch schon beim eigentlichen Star der Veranstaltung angelangt wären: Andreas J. Schröck, Gründer von European Dialogue, wie ich später herausfand, notwendig sich vorzustellen, fand er es nämlich nicht – mensch kennt ihn ja ohnehin, den „überzeugten Österreicher und charismatischen Überredungskünstler“, der es schaffte als Moderator mindestens 50% der Redezeit für sich selbst zu beanspruchen. Gut, dass er sich laut eigener Website durch sein Selbstbewusstsein auszeichnet, sonst hätte er vielleicht gemerkt, wie das Publikum seine Selbstdarstellungsschau fand. Gut auch, dass ich durch eine Leinwand von den Podiumsgästen und European Dialogue Mitgliedern getrennt war – ein Pokerface konnte ich während der nächsten zwei Stunden nämlich bestimmt nicht aufsetzen.

Auch ohne ein KPÖ-Mitglied unter den Gästen startete die Runde mit dem Thema „Enteignung der Oligarchen, die Putin unterstützen“. Wobei ganz schnell klar wurde, dass Andreas J. Schröck sehr viel Respekt vorm Eigentum hat und nichts davon hält, hart arbeitenden Menschen Geld wegzunehmen – die meisten haben sich das schließlich hart verdient. Sebastian Bohrn Mena ist anderer Meinung und die Diskussion endete in einem gegenseitigen Übertönen, einer „Beschimpfung“ als „Sozi“ und dem Aufruf im Anschluss Geld zu spenden, während ich mich fragte, ob ich im Pub-Quiz ein paar Straßen weiter nicht Sinnvolleres gehört hätte.

Einem lautstarken Wortwechsel, unzähligen ungläubigen Blicken aus dem Publikum und einem weiteren Spritzer meinerseits später konnte die Diskussion aber weiter gehen: Ob Judith Schwentner Recht hat, dass die Russ_innen sich und zukünftige Generationen mitschuldig machen, wenn sie es doch besser wissen könnten? Vielleicht. Ob es stimmt, dass wir es besser wissen und trotzdem nichts machen? Ganz sicher. Ob Social Media wirklich eine mächtige Waffe sein könnte? Wahrscheinlich. Ob es mehr verändern wird, als viele Likes für blau-gelbe Profilbilder? Ich bezweifle es. Ob wir Menschen aus der Ukraine helfen müssen? Das steht außer Frage. Ob das für alle Menschen gilt? Schwierige Frage. Da muss wohl nicht nur unser Bundeskanzler noch etwas drüber nachdenken. Was wir uns alle wünschen? Frieden. Was wir dafür tun wollen? Möglichst wenig und am liebsten niemanden vor den Kopf stoßen. Eine Frage wurde letzten Endes aber doch geklärt. Elke Kahrs Forderung beide Seiten mögen sich zurückziehen und die Reise ihrer Parteikollegen in die Ostukraine im Jahr 2019 seien absolut verwerflich. Bestätigen sollte das am besten Judith Schwentner – klingt fast so, als ob sich da nicht sie, sondern der Moderator der Herzen nicht auf den kurzfristigen Wechsel der Diskussionsteilnehmerinnen vorbereiten konnte. Oder ist ihm einfach unbegreiflich, dass Judith Schwentner genau so wenig KPÖ-Politikerin, wie die KPÖ in Graz die Kommunistische Partei der Sowjetunion ist? (Letzteres ist ja auch verwirrend, ich weiß. Warum ändert die nicht endlich ihren Parteinamen, damit mensch sie nicht ständig mit Stalin verwechselt?)

Beendet wurde das ganze Spektakel mit einer ernüchternden Botschaft von Sebastian Bohrn Mena: Die EU sei nie mehr als ein Wirtschaftsprojekt gewesen. Und mehr würde sie auch nie sein. Für meine Generation – die auf dieser Veranstaltung ungewöhnlich hoch vertreten war – fühlt sich das an, wie ein Faustschlag ins Gesicht. Was sind wir denn noch, wenn wir keine Europäer_innen sind? Österreicher_innen? Steirer_innen? Bitte nicht.

Um die Wogen zu glätten bekam noch jede_r ein Geschenk verabreicht: Eine Ehrenmitgliedschaft für den Geschäftsführer, einen Präsentkorb für den „Sozi“ und Rosen für die Frau – so kann Mann auch etwas durch die Blume sagen.

Während ich noch fassungslos auf meinen dritten Spritzer starre und das Tinder-Date von Andreas J. Schröck (ja, richtig gelesen) sich zu uns auf den Tisch gesellt, werden panierte Shrimps und Schweinespieße serviert. Nach essen ist mir nicht zu Mute. Denn wie wenig ich mir mit meinen 24 Jahren Krieg in der EU vorstellen kann und wie schön ich es auch finde, dass wir an lauen Frühlingsabenden in schicken Kleidern Delikatessen genießen und uns über das zerstörte Leben anderer Menschen unterhalten können, frage ich mich doch: Wie lange noch.

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2 Comments

  1. flo 31/03/2022

    good one becci!

  2. EchterGrazer 01/04/2022

    Du sprichts mir aus dem Herzen! Selten habe ich eine so gute Zusammenfassung eines Events gelesen. Wahrlich ein Abend voller Kuriositäten.

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