Schwieriges Thema

Schwieriges Thema: Die Probleme der Pubertät im Kosmos Theater auf die Bühne geholt.

Immer ein „schwieriges Thema“, wenn Erwachsene versuchen über die Probleme der Pubertät zu sprechen. Milena Michalek balanciert mit ihrem Stück auf dem schmalen Grad zwischen Ironie und Unverständnis, zwischen tiefsinnig und belehrend – mit Erfolg.

Die Regisseurin und Autorin Milena Michalek scheint ihre eigene Pubertät noch nicht vergessen zu haben. Das Stück ist einfühlsam, manchmal ironisch, aber nie verurteilend. Nie zieht sie die Probleme der Jugendlichen ins Lächerliche. Lacher aus dem Publikum im Kosmos Theater in Wien gibt es freilich trotzdem. Zu treffend stimmen die Szenen mit den eigenen Erinnerungen oder Erlebnissen mit seinen Kindern überein. Wer sich ertappt fühlt hingegen, schweigt. Bin ich vielleicht doch nicht so einzigartig? Verstehen sie vielleicht doch was ich meine?

Alles under construction

Undefinierbar, under construction, noch im Werden, eine Baustelle – Noch bevor die ersten Worte fallen, wird das Thema, die Pubertät, durch das Bühnenbild zum ersten Mal charakterisiert. Und zwar überaus treffend. Wie eine Baustelle, bei der die Teenager nicht wissen, wo sie anfangen sollen, so fühlt sich Pubertät an. Da helfen die meist gut gemeinten Ratschläge der Eltern wenig. In „Schwieriges Thema“ beschallen sie in perfekter Synchronisation gleich dreifach die Ohren des Pubertierenden: “ich mach’ alles für dich und du bist nur undankbar”, “glaubst du, für mich ist es einfach”, “kannst du dich nicht zusammenreißen?” – “einmal!” Effekt: gleich null. Folge: Zimmerarrest. Ziemlich realitätsnah eben. Eher Halt können da die Mitleidenden geben. Der Zusammenhalt der Gruppe, die Tiefe der Freundschaft entsteht durch das gemeinsame Leid. Wer „normal“ ist, wird plötzlich zum Verdächtigen, zur Ausgestoßenen.

Schwieriges Thema: Das Konstrukt der Bühne ist genauso unvollständig wie das der Jugendlichen.
Auf der Bühne von „Schwieriges Thema“ ist das Konstrukt genauso unvollständig wie das Leben der Jugendlichen. – Foto: Bettina Frenzel/Kosmos Theater

Das Bühnenbild ist nicht das einzig Unvollendete. Auch die Kostüme befinden sich mitten in einer Metamorphose. Einschneidend und beengend tun sie ihr Bestes den jugendlichen Körper in die richtige Form zu pressen, während an anderen Stellen insektenartige Ausbeulungen wachsen. Wie Fremdkörper fühlen sich die lästigen Pickel und deren Luftpolster-Ausdrücken, knospende Busen und nicht steuerbare Rüssel an.

Unsinn mit Tiefe

Das schönste aber ist die Sprache. Sprechgesang, neue Wort-Kombinationen und falsch verwendete Vokabeln fügen sich zu einer fast poetischen Komposition. Nicht zuletzt funktioniert diese deshalb so gut, weil sie die vier Schauspielerinnen und Schauspieler in perfekter Präzision vortragen. Lückenlos wechseln sie vom kindlich-naiven Altklug zum coolen Slang der Teenager.

Lukas Gander, Claudia Kainberger, Anne Kulbatzki und Mehmet Sözer verkörpern nicht nur durch ihr junges Alter die perfekten Pubertierenden. Ihre Verrenkungen wirken merkwürdig, die Tanzversuche unbeholfen und der Schmerz echt. In jeder Sekunde nimmt das Publikum ihnen ab, was sie sagen, oder eben nicht sagen. Vor Ironie triefend und mit viel Schmäh machen sie das Stück zu ihrem eigenen, tarnen den Schon-Wieder-Single-Status als Lebensstil, brechen in kollektive Gefühlsausbrüche aus, dissen, tuscheln und versinken dabei ganz tief im Selbstmitleid. Dabei reihen sich Pointen und Anspielungen so schnell und fast willkürlich aneinander, dass flinkes Mitdenken gefragt ist. Oder: Man kennt sich nicht immer aus. Was die Pubertät sehr gut auf den Punkt bringt.

 „Man muss jeden Tag ein, zwei Gedanken haben, die niemandem nützen“, philosophiert Sözer am Ende über den dargebotenen Nonsens mit Tief- und Hintersinn. Und wer weiß? Vielleicht ist das ja richtig. Alles zu schnell, zu gerade, zu effizient, zu profitorientiert – in dieser Zeit könnte die pubertierende Sinnlosigkeit die Lösung sein, nicht das Problem. Aber „What the fuck, ich weiß auch nicht“. Schwieriges Thema eben.

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