Ein neuer Sonnenaufgang

Vor Sonnenaufgang Graz

„The best stories are those in which we ourselves appear,“ they say. In the new production of „Before Sunrise“ every viewer can probably find himself in at least one of the characters. Palmetshofer brings a 130-year-old play into the 21st century. And he has more than succeeded.

Die besten Geschichten sind die in denen wir selbst vorkommen“, heißt es. In der Neuinszenierung von „Vor Sonnenaufgang“ kann sich wohl jede Zuseherin/jeder Zuseher in zumindest einer der Personen wiederfinden. Palmetshofer holt ein 130 Jahre altes Stück ins 21. Jahrhundert. Und es ist ihm mehr als gelungen.

In über zwei Stunden passiert in Ewald Palemtshofers Version von Hauptmann Stück „Vor Sonnenaufgang“ eigentlich nicht viel. In drei Tagen kommt lediglich ein alter Freund zu Besuch und ein Kind zur Welt. Und doch wird so viel gesagt. Die Charaktere und deren Beziehungen sprechen für sich: Die rebellische Tochter, die früh in die Stadt gezogen ist, der Vater mit Alkoholproblem, der idealistische Journalist, der konservative Unternehmer und die heile Familie in der eigentlich gar nichts heil ist. Fast könnte man dem Autor vorwerfen sich einfach nur aller Klischees des 21. Jahrhunderts zu bedienen, wären seine Beschreibungen nicht so treffend, seine Dialoge nicht so echt.  

Die Neuaufführung im Grazer Schauspielhaus – Photography: Schauspielhaus Graz

Ungeschönte Emotionen

Wie Hauptmann, der einst den Naturalismus auf die deutschen Bühnen brachte, verzichtet auch Palemtshofer komplett auf eine Idealisierung der Figuren. Jeder Schmerz, jeder Zorn und jeder Augenblick der Merkwürdigkeit wird von den Schauspielerinnen/Schauspielern ungeschönt zum Ausdruck gebracht. Und die Besatzung wird dieser Herausforderung zweifelsohne gerecht. Wenn eine enttäuschte Frau und ein verzweifelter Mann sich gegenseitig Vorwürfe an den Kopf werfen oder wenn sich die Wogen zwischen den einst so eng befreundeten Zimmerkollegen hochschaukeln, sie einander anschreien ohne ein Wort des anderen zu verstehen, kann das Publikum gar nicht anders als mitzufühlen.

Die großartige Leistung der Schauspielerinnen und Schauspieler reißt mit – Photography: Schauspielhaus Graz

Gerade wegen der schauspielerischen Leistung, die jeden Charakter in verschiedenen Facetten, fein und vielschichtig darzustellen vermag, tut der Regisseur gut daran ein schlichtes Bühnenbild zu wählen und den Emotionen Raum zu lassen. Die einzelnen Räume sind nur schemenhaft angedeutet, ohne Dekoration, ohne unnötigen Schnickschnack. Und doch schafft er es ein Stilmittel einzubauen, das die Zuseherin/den Zuseher von der ersten Minute an fesselt: Die Plastikplanen die ständig die weißen Möbel verhüllen, machen einen schier wahnsinnig. Und versucht doch endlich jemand einen Blick hinter die Fassade zu werfen, sind alle stets penibel darauf bedacht, ja wieder alles an Ort und Stelle zu rücken.

Bitterer Nachgeschmack

Obwohl Palemtshofer nur ausgewählte Themen aus dem Originalstück übernimmt, andere wie den Alkoholmissbrauch, Affären und Inzucht nur anschneidet oder ganz streicht, bietet der ständige Konflikt zwischen links und rechts gepickt mit Depression und Geldnot genug Substanz um sich keinen Moment zu langweilen. Besonders die zweite Hälfte des Stücks übertrifft sich selbst mit einem Höhepunkt nach dem anderen. Das Ende gestaltet Palmetshofer weit weniger dramatisch als das Originalstück und doch ist es so deprimierend inszeniert, das beim Publikum ein bitterer Nachgeschmack bleibt und die aussichtslose Frage: Und wie geht es jetzt weiter?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.